Geschichte der Radiologie in Berlin seit 1896

Entdeckt wurden die Röntgenstrahlen in Berlin nicht!

Dies ist eine für Berliner unerfreuliche, aber historische Tatsache. Dennoch, wie in keiner anderen Stadt Deutschlands spiegelt sich in Berlin die wechselvolle Entwicklung der Radiologie wieder, ein Fachgebiet, das heute zu den medizinischen Disziplinen mit den beeindruckendsten Innovationen zählt.

Sie befinden sich hier:

Die Bedeutung Berlins für die Radiologie

Berlin war sowohl Schauplatz glänzender Veranstaltungen mit enormem Anschub für die Entwicklung der Röntgenologie und Radiologie aber auch Ort von Krisensitutationen des Fachgebiets in den Zeiten der Kriege, der Nachkriegswirren und der bedrückenden Teilung der Stadt.

Sicherlich war es bedingt durch den Wohnsitz Kaiser Wilhelms des II. im Stadtschloss der Hauptstadt des deutschen Kaiserreichs, dass Wilhelm Conrad Röntgen am 12. Januar 1896, wenige Wochen nach der von ihm am 8. November 1895 gemachten Entdeckung, in Berlin dem Regenten über "Eine neue Art von Strahlen" berichten durfte.

Kein schicksalhafter Zufall war es allerdings, dass hier in Berlin am 11. - nach anderen Angaben auch am 18. März 1898 - die erste Röntgengesellschaft der Welt, die "Röntgenvereinigung zu Berlin" durch Max Immelmann und weitere 14 Gründungsmitglieder ins Leben gerufen wurde. "Röntgenvereinigung" wurde sie genannt, da am 23. Januar 1896 auf Vorschlag des greisen Anatomen Köllicker die zunächst als X-Strahlen bezeichneten nach W. C. Röntgen benannt wurden. Die Berliner Röntgengesellschaft ist damit die älteste Röntgengesellschaft der Welt überhaupt. Immelmann, ein Orthopäde, betrieb eine "Anstalt für Orthopädie und Pneumatotherapie", die mit einem Röntgengerät ausgerüstet wurde. Ein Mitbegründer der Röntgenvereinigung, Max Levy-Dorn, war Chirurg und beschäftigte sich auch mit Neurologie und Physiologie. Ab 1896 interessierte er sich für die Anwendung der Röntgenstrahlen und richtete in seiner Praxis ein Röntgenlaboratorium ein. Dies war das erste ärztlich geleitete Röntgeninstitut Berlins. Die erste in einer Klinik gelegene Röntgeneinrichtung Berlins wurde ebenfalls bereits im Jahre 1896 eingerichtet, und zwar an der Chirurgischen Klinik der Charité.

Levy-Dorns Anregungen war es zu verdanken, dass 1903 ein "Zentralinstitut für Untersuchungen und Behandlungen mit Röntgenstrahlen" im Rudolf-Virchow-Krankenhaus eröffnet werden konnte. Max Levy-Dorn wurde dessen erster leitender Arzt. Auch die anderen Gründungsmitglieder verfügten über klingende Namen, so Walter Cowl, Gustav Schütz, der Physiker Walter Wolf und Richard Eberlein, ein Veterinärmediziner. Er wurde Vorsitzender der Röntgenvereinigung und später Präsident des ersten Röntgenkongresses.

Am 4. April 1898 wurde in Berlin die erste wissenschaftliche Sitzung der Röntgenvereinigung im sogenannten medico-mechanischen Privatinstitut Immelmanns, im Blumeshof Nr. 9, später Lützowstr. 72, abgehalten. Weitere Veranstaltungen folgten in der Ziegelstraße 10/11 im sogenannten Langenbeck-Haus, das im Jahre 1892 von der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie errichtet wurde. In diesem Haus befand sich auch seit 1906 die Bibliothek der Deutschen Röntgengesellschaft, um deren Bestandserweiterung sich vor allem Eberlein Verdienste erwarb. 1915 wurde von der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und der Berliner Medizinischen Gesellschaft das Langenbeck-Virchow-Haus in der Luisenstr. 56 erbaut. Dieses Haus diente über einen längeren Zeitraum als Veranstaltungsort der wissenschaftlichen Sitzungen der Röntgenvereinigung und nahm auch die Bibliothek auf.

Das im März 1906 seiner Bestimmung übergebene Kaiserin-Friedrich-Haus als Sitz des Zentralkomitees für die Ärztliche Fortbildung in Preußen (1901 gegründet) enthielt auch ein eigenes sogenanntes Röntgenlaboratorium. Hier bot ebenfalls bereits im Jahre 1906 Immelmann Kurse der Röntgenologie mit praktischen Übungen zu Fortbildungszwecken an.

Eine seit etwa dieser Zeit geplante Einrichtung eines Röntgenmuseums konnte allerdings erst im Juni 1910 verwirklicht werden. Museumsräume wurden im Neubau der Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärische Bildungswesen zur Verfügung gestellt, um Exponate wurde vor allem auf den Kongressen der Deutschen Röntgengesellschaft geworben.

Ein historischer Tag für die Berliner Röntgengeschichte ist sicherlich der 4. Oktober 1904. An diesem Tag beschlossen die Mitglieder der Röntgenvereinigung Berlin anlässlich der 10-jährigen Wiederkehr der Entdeckung der Röntgenstrahlen die Organisation eines Röntgenkongresses, der mit einer wissenschaftlichen Ausstellung verbunden wurde. Dieser Kongress fand statt - ausgerichtet von der Berliner Röntgenvereinigung - vom 30. April bis zum 3. Mai 1905 als "1. Deutscher Röntgenkongress". Kongressort war das Kongresslokal "Ressource zur Unterhaltung" in der Oranienburger Str. 18, am Monbijouplatz gelegen. Die Organisation des Kongresses lag in den Händen von Immelmann, der auch den Festvortrag mit dem Thema "Die Bedeutung der Röntgenstrahlen für die Medizin" gestaltete. W. C. Röntgen konnte allerdings aus Krankheitsgründen leider nicht teilnehmen. 

Kurze Geschichte des Röntgeninstituts der Berliner Charitè

Die Geschichte des jetzigen "Instituts für Radiologie" an der Berliner Charité beginnt im Jahre 1938 und ist mit dem Namen des berühmten Chirurgen Sauerbruch verbunden. Sauerbruch plante zu dieser Zeit den Neubau eines Operationstraktes für seine Chirurgische Klinik. Sicher beeinflusst von den Ideen der Röntgenologen Grashey und Cowl, welche 1927 mit Sauerbruch nach Berlin gekommen waren, wollte er sowohl einen Lehrstuhl für Radiologie begründen als auch ein selbständiges radiologisches Universitätsinstitut errichten.

Bis zu diesem Zeitpunkt existierten lediglich unterstellte Röntgenabteilungen u. a. auch an der I. Medizinischen Klinik sowie an der Chirurgischen Klinik. Letztere wurde von Cowl geleitet. Auch Lehrveranstaltungen über die Röntgenologie wurden bis zum Jahre 1928 lediglich von Vertretern anderer medizinischer Fachdisziplinen durchgeführt. Erst seit 1929 wurde eine eigenständige Röntgenologievorlesung angeboten, die wiederum von Cowl gehalten wurde.

Die Gründung des neuen Instituts mit dem Namen "Universitätsinstitut für Röntgenologie und Radiologie und strahlentherapeutische Klinik" erfolgte am 3. Juli 1939. Erster Direktor und gleichzeitig Inhaber des Lehrstuhls Röntgenologie wurde Karl Frik.

Untersuchungs- und Arbeitsräume waren in der Chirurgischen Klinik eingerichtet und zwar in den Untergeschossen des Operationstraktes. Zu den ersten Mitarbeitern Friks gehörten u. a. L. Diethelm, B. Bürgel und C. Esser. Karl Frik leitete die Klinik bis zu seinem Tode 1944.

Nachfolger wurde Henri Chaoul, der Begründer der nach ihm benannten Nahbestrahlung.

Ihm folgte im Jahre 1945 der bereits achtzigjährige Rudolf Grashey, einer der Großen der deutschen Radiologen. Bis Kriegsende, das auch die röntgendiagnostischen Einrichtungen der Charité in vielfach stark zerstörtem Zustand vorfand, änderte sich an der Struktur der Röntgendiagnostik nichts Wesentliches. Die schweren Nachkriegszeiten mussten vorrangig der Wiederherstellung der röntgenologischen Kapazitäten gewidmet werden, zu strukturellen Änderungen bestand kein Anlass.

Von 1949 bis 1951 wurde die Klinik kommissarisch von Ernst Dörffel geführt. Dörffel, ein Nuklearmediziner, leitete gleichzeitig von 1956 bis 1968 die Isotopenabteilung der Geschwulstklinik der Charité.

Im Jahre 1951 folgte der Direktor der Radiologischen Universitätsklinik Leipzig, Fritz Gietzelt dem Ruf zur Übernahme des Lehrstuhls für Röntgenologie sowie des Direktorats des Röntgeninstituts an der Charité. Bis dahin existierten neben dem eigentlichen "Zentralinstitut" noch 10 weitere kleinere Röntgenabteilungen, die den unterschiedlichsten Kliniken der Charité zugeordnet waren. Gietzelts Lebenswerk war allerdings der Aufbau der Geschwulstklinik der Charité, die er zu einem großen onkologischen Zentrum ausbaute.

Im Jahre 1959 übernahm Günter Liess das Direktorat des Instituts und stand ihm bis 1985 vor. In diesem Zeitraum entwickelte sich vor allem die Angiographie, deren Wertigkeit zunehmend wuchs und sich darin ausdrückte, dass im Jahre 1981 die Abteilung für Angiographie des Instituts in ein selbständiges "Institut für kardiovaskuläre Diagnostik" unter dem weltbekannten Werner Porstmann umgewandelt wurde. In Angriff genommen wurde auch die Zentralisierung der damals an den Kliniken angesiedelten und ihnen unterstellten kleineren Röntgenabteilungen. Diese Konzentrations- und Integrationsbemühungen verliefen zunehmend erfolgreich, den verläufigen Abschluss bildete im Jahre 1980 die Übernahme der Röntgenabteilungen der beiden Medizinischen Kliniken und der Medizinischen Poliklinik.

1985 übergab Liess das Direktorat des Instituts an Meinhard Lüning. Unter der Leitung des als Direktor für Neubau und Rekonstruktion berufenen Geerd Dellas war Lünung seit 1977, gemeinsam mit Liess und Porstmann, maßgeblich beteiligt an der Planung der röntgendiagnostischen Einrichtungen für dieses größte Bauvorhaben der Charité seit Kriegsende. Mit der Fertigstellung des Neubaus der Charité, dem Bettenhaus und den Funktionstrakten, fand auch die Klinik für Röntgendiagnostik ein neues Domizil in der 2. Ebene des Neubaus an der Luisenstraße mit einer für damalige Verhältnisse sehr guten technischen Ausstattung. Der Neubau wurde im März 1981 bezogen und bot erstmalig auch adäquate Darbietungsmöglichkeiten für die moderne bildgebende Diagnostik. Letztere fand zunehmend Eingang am Röntgeninstitut, so die Ultraschalldiagnostik ab 1973, die Computertomographie am Gerät der Nervenklinik 1979 und an einem eigenen Gerät 1982. Die Inbetriebnahme des ersten Magnetresonanztomographie-Gerätes im Röntgeninstitut der Charité erfolgte im Jahre 1987, dies blieb bis zur Wende 1989 auch das einzige Gerät in der DDR. Die weiterhin angstrebte und zielbewusst betriebene Zentralisierung der Röntgendiagnostik machte deutliche Fortschritte, so wurden nach und nach die Röntgenabteilungen in der Klinik für Kinderheilkunde, in der Klinik für Neurologie und Psychiatrie sowie in der Klinik für Onkologie in den Institutsverband einbezogen.

Nach der Wende, nach der sich über einen längeren Zeitraum sowohl die Euphorie eines möglichen Neubeginns als auch die drohende Gefahr einer Abwicklung der gesamten Charité die Waage hielten, übernahm Walter Reisinger kommissarisch für einen kurzen Zeitraum (1993 bis 1994) die Leitung des Instituts. Die Institutsstrukturen blieben erhalten, ebenso wurden die Krankenversorgung, die Lehre und eingeschränkt auch die Forschung weitergeführt.

Seit 1994 ist Bernd Hamm Direktor des Instituts und Lehrstuhlinhaber. Die Klinik hat jetzt die offizielle Bezeichnung "Institut für Radiologie mit den Abteilungen Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie". Unter Bernd Hamms Leitung gelang eine in der Geschichte des Instituts bisher einmalige Weiterentwicklung. 

 

Als Zentralinstitut für die Versorgung der Kliniken und Institute am Standort Mitte mit radiologischen Leistungen verfügt die Klinik über eine vorzügliche Ausstattung mit modernen bildgebenden Geräte- und Datenverarbeitungssystemen, ist sinnvoll neu strukturiert und rekonstruiert und kann auf anerkannte Leistungen in Lehre und Forschung verweisen. 

Direktoren des Institus für Radiologie

Karl Frik 
geb. 1878, gest. 1944 
Direktor: 1939 - 1944
Karl Frik geb. 1878, gest. 1944 Direktor: 1939 - 1944
Henri Chaoul 
geb. 1887, gest. 1964 
Direktor: 1944 - 1945
Henri Chaoul geb. 1887, gest. 1964 Direktor: 1944 - 1945
Rudolf Grashey 
geb. 1876, gest. 1950 
Direktor: 1945 - 1949
Rudolf Grashey geb. 1876, gest. 1950 Direktor: 1945 - 1949
Foto: Ernst W. Dörffel 
geb. 31.10.1908, gest. 27.07.1984
Ernst W. Dörffel geb. 31.10.1908, gest. 27.07.1984
Fritz Gietzelt 
geb. 1903, gest. 1968 
Direktor: 1951 - 1959
Fritz Gietzelt geb. 1903, gest. 1968 Direktor: 1951 - 1959
Günter Liess 
geb. 1922, gest. 1999 
Direktor: 1959 - 1985
Günter Liess geb. 1922, gest. 1999 Direktor: 1959 - 1985
Meinhard Lüning 
geb. 1940 
Direktor: 1985 - 1993
Meinhard Lüning geb. 1940 Direktor: 1985 - 1993
Walter Reisinger 
geb. 1938 
kommissarischer Direktor: 1993 - 1994
Walter Reisinger geb. 1938 kommissarischer Direktor: 1993 - 1994
Bernd Hamm 
geb. 1953 
Direktor seit 1994
Bernd Hamm geb. 1953 Direktor seit 1994

Geschichte in Bildern: Das Röntgen-Poster im Anmeldebereich

Seit dem 29. August 2003 ziert nach langer Planungs- und Produktionsphase ein Poster im Großformat (3,0 m x 1,5 m) den Wartebereich vor der Röntgen-Anmeldung. Damit würdigt die Klinik für Radiologie Leben und Werk von W. C. Röntgen. Vor einigen Monaten wurde eine Bronze-Büste W. C. Röntgens der Klinik für Radiologie durch den ehemaligen Chefarzt der Röntgenabteilung des Krankenhauses Moabit, Prof. Dr. Tänzer, überlassen. Die Erstellung dieses Posters steht damit in Zusammenhang und soll der Figur einen würdevollen Rahmen geben.

Der Text des Posters und die Bilder sind sehr lesenswert und informativ. Patienten, die auf eine Untersuchung warten müssen, werden sicher viel Neues bei der Lektüre des Posters lernen. Einige der gezeigten Bilder wurden uns vom Deutschen Röntgenmuseum in Remscheid überlassen. Dafür möchten wir uns sehr herzlich bei Herrn Ulrich Henning, dem Leiter des Museums bedanken. Zusätzlich ist dem Poster eine Darstellung der modernen Anwendung der Röntgenstrahlen zu entnehmen, die mit Bildbeispielen des Instituts für Radiologie illustriert wurden. 

Die Bilder des Röntgen-Posters im Einzelnen